An einem schönen Herbstmorgen im Jahr 1985 teilte mir die Sekretärin des französischen Instituts in Heidelberg, das ich damals leitete, mit, dass zwei Herren aus Montpellier gekommen seien, die mich sprechen wollten. Es stellten sich in der Tat zwei Herren vor, die mir wie Figuren aus einem Fellini-Film vorkamen. Der eine war mittelgroß, chic und zurückhaltend, der andere etwas korpulent, mit sonorer Stimme und einem eleganten südlichen Akzent. Mit diesem Akzent hielt das Mittelmeer Einzug in Heidelberg!
Die beiden Boten hießen Henri Talvat und Pierre Pitiot. Sie kamen, um mir von der Existenz einer Kulturveranstaltung in Montpellier zu berichten: Das Filmfestival des Mittelmeeres!
Heidelberg und Montpellier sind zwei Städte, die eine gelungene Städtepartnerschaft miteinander verbindet, sagte Pitiot. Wir schlagen vor, diese Verbindung zu stärken: Wie wäre es, wenn in Heidelberg ein Relais des Filmfestivals von Montpellier eingerichtet würde?
Für mich als Filmliebhaber, der gerade erst sein Amt angetreten hatte und die Zusammenarbeit meines Vorgängers mit dem Gloria Kino wieder aufgenommen hatte, war das ein großartiges Angebot! Ich machte keinen Hehl aus meiner Begeisterung: „Ja, lassen Sie uns dieses Projekt so schnell wie möglich umsetzen. Ich werde Frau Maurer vom Gloria Kino, unserer lokalen Partnerin für Filmangelegenheiten, bitten, sich dem Projekt anzuschließen. Sie wird sich über diese Erweiterung ihres Programmes freuen!"
„Kommen Sie zuerst nach Montpellier", sagte Talvat zu mir, „und schauen Sie, ob Ihnen die Ausrichtung und das Programm des Festivals gefallen." Ich nahm die Einladung sofort an und reiste noch im selben Herbst nach Montpellier. Bevor ich aufbrach, informierte ich den Kulturbürgermeister über das Projekt. Auch er war begeistert von dieser neuen Perspektive zur Stärkung der kulturellen Verbindung zwischen den beiden Städten.
Mit einem glücklichen deutsch-französischen Herzen machte ich mich auf den Weg in die Metropole des Languedoc.
Dort gefiel mir alles: die Stadt, die ich zum ersten Mal entdeckte, die Atmosphäre des Festivals, die Auswahl der Filme, das Potenzial, das in dieser Auswahl steckte: Die Filme waren repräsentativ. Für die Kulturen der jeweiligen Länder, aus denen sie stammten. Gleichzeitig bezogen sie sich auf aktuelle Probleme. Es stellte sich heraus, dass Pitiot und Talvat nicht nur Vertreter, sondern Initiatoren und Säulen des Festivals waren. Was in Heidelberg ins Leben gerufen werden würde, sollte zuerst auf bescheidener, aber solider Basis starten.
Im folgenden Frühjahr kehrten die beiden Botschafter zurück, diesmal als Akteure, mit zwei 16-mm-Filmrollen unter dem Arm. Die Vorführungen fanden in der Bibliothek des Institut Français statt. Das kleine Publikum bestand aus Liebhabern des mediterranen Kinos, die vor allem neugierig waren zu sehen, was ihnen gezeigt werden würde und auf welche Art. Pitiot strahlte eine starke Präsenz aus. Er gab den Ton an. Sein erster Auftritt im Institut war imposant: Er stieg auf das Podest der Bibliothek, stellte sich hin wie ein freundlicher Prediger und sprach. Mit seiner sonoren Stimme erläuterte er die Bedeutung des Projektes „Festival du Cinéma de la Méditerranée", das gerade an einem der nördlichen Ufer der „Grande Bleue" (des großen blauen Meeres) gegründet worden war.
Er hob hervor, wie an allen Ufern des Mittelmeeres so bedeutende Kulturen entstanden waren und sich verbreitet hatten. Sie hatten einander bekämpft und doch gegenseitig bereichert. Letztendlich hatten sie zusammen die sogenannte westliche Zivilisation geschaffen, die uns prägt. Ob diese Kulturen Vorbilder waren oder nicht, sei dahin gestellt, sagte Pitiot.
Unser Festival möchte die unglaubliche Vielfalt der Kulturen mit mediterraner Prägung zeigen.
Heute zeigen wir dies durch das Medium unseres Jahrhunderts, das Kino. Die Filme präsentieren unsere Kulturen in ihrer aktuellen Prägung mit ihren Schatten- und Lichtseiten und wie sie sich vor unseren Augen verwandeln: in Italien, Frankreich, Spanien, Griechenland, im Maghreb, in Ägypten, in der Türkei, auf dem Balkan. Und sogar darüber hinaus: Einmal lud sich Georgien zum Festival ein und stellte sich als supermediterranes Land vor, das noch verrückter sei als alle Mittelmeerländer: Wir sahen in Schwarz-Weiß Brautpaare, die auf Friedhöfen aßen, tranken, sangen und tanzten.
Einige unserer Gastregisseure erwiesen sich sogar als Hellseher: Ich erinnere mich an einen jungen serbischen Filmemacher, Zoran Masirevic, der 1990 im Gloria Kino in seinem Film GRANICE einen schrecklichen Krieg auf dem Balkan voraussagte. Wir hörten ihm ungläubig zu. So wie später andere Europäer nicht glauben wollten, was ihnen die sehr realen Bilder zeigten.
Pitiot und Talvat waren überzeugt, dass die Bilder viel bewirken können. Als geistige Brüder des großen Fellini verstanden sie die Macht der Filmsprache und sie wussten das zu vermitteln. In diesem Sinn war die Gründung des Cinemed Festival ein großer Wurf!